Literaturschnipsel

Nachlese

(aus dem Nachlaß von Johann Wolfgang von Goethe)
Der Mensch kann nur mit seinesgleichen leben, und auch mit denen nicht; denn er kann auf die Länge nicht leiden, daß ihm jemand gleich sei.

Der mittelmäßigste Roman ist immer noch besser als die mittelmäßigen Leser, ja der schlechteste partizipiert etwas von der Vortrefflichkeit des ganzen Genres.

Schauspieler gewinnen die Herzen und geben die ihrigen nicht hin; sie hintergehen aber mit Anmut.

Zu berichtigen verstehen die Deutschen, nicht nachzuhelfen.

Aus der Natur, nach welcher Seite hin man schaue, entspringt Unendliches.

Man muß eine Sache gefunden haben, wenn man wissen will, wo sie liegt.

Wer freudig tut und sich des Getanen freut, ist glücklich.

Mit Ungeduld bestraft sich zehnfach Ungeduld; man will das Ziel heranziehn und entfernt es nur.

Die jungen Leute sind neue Aperçus der Natur.

Setze den Stein nach der Richtschnur, nicht die Richtschnur nach dem Stein.

Ein lebhafter Mann, unwillig über das Betragen eines Frauenzimmers, ruft aus: »Ich möchte sie heiraten, nur um sie prügeln zu dürfen.«

Holzers Freiheit durch den frohen Begriff, an Häuser außen zu malen, erweckt.

Geschmack, der aus Gegenständen, die eigentlich keine schöne Form haben, eine schöne Form zusammensetzt oder hervorbringt. Gemälde in Augsburg bei Reischach.

(Quelle: Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Kunsttheoretische Schriften und Übersetzungen [Band 17–22], Band 18, Berlin 1960 ff, S. 680-681.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004855663)

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