Warum ist Afrika arm?

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Entwicklungshilfe überschüttet einen Kontinent und macht ihn von ihr abhängig

von  Volker Seitz

Betrachtet man unvoreingenommen die Entwicklungspolitik für Afrika der letzten Jahrzehnte, muss man konstatieren: Es gibt nur wenige Möglichkeiten, Steuergeld noch ineffizienter auszugeben, als es in Entwicklungshilfe für Afrika zu stecken. Der Weg zum Wohlstand führt nicht über hohe Summen an Entwicklungshilfe. Die seit Jahrzehnten geübte Praxis der Hilfe hat gezeigt, dass Entwicklung in Afrika nicht in Gang gekommen ist. Stattdessen ist eine Schicht von Privilegierten und Profiteuren der Entwicklungspolitik entstanden, die kein Interesse daran haben, dass sich am Zustand der Hilfsbedürftigkeit etwas ändert.

Dennoch erheben mantraartig mehr oder weniger prominente Menschen frei von Zweifeln ihre Stimme und behaupten, dass Afrika unsere Hilfe braucht. Es gibt auch unter Entwicklungspolitikern eine idealisierte Wahrnehmung vieler Länder Afrikas, und die Probleme werden nicht vorbehaltlos angesprochen. Aber weitere Zurückhaltung schadet der großen Masse der Afrikaner. In über fünf Jahrzehnten ist deshalb ein Hilfsindustriezweig mit gut bezahlten Entwicklungshelfern entstanden, die natürlich nicht für ihre Selbstabschaffung arbeiten. Auch wenn dies immer wieder bestritten wird: Afrika wird mit Entwicklungshilfe (nicht Nothilfe) überschüttet, die die Bevölkerung abhängig hält.

Der Kontinent dümpelt weit unter seinem Potential. Es gibt Hunger, obwohl es ein Kontinent ist, auf dem sich 60 Prozent des weltweit nichtbewirtschafteten Ackerbodens befinden. In vielen Ländern trotzt die Natur vor Reichtum. Es fehlt nicht an Belegen dafür, dass viele afrikanische Staaten alles haben, was sie brauchen. In der ganzen Region südlich der Sahara hat der Rohstoffreichtum und gute Ackerböden aber noch nicht zu besseren Lebensbedingungen geführt. Die wachstumshemmende Machtausübung an höchster Stelle führt dazu, dass die Möglichkeiten meist nicht genutzt werden.

Arme Länder können Technologien von reichen Ländern übernehmen, von dort Wissen importieren, sich an Wirtschaftswunderländern Ostasiens orientieren und damit Wohlstandslücken verringern. Außer Ruanda, Botswana, Ghana, Namibia, neuerdings Senegal gibt es wenige Länder mit diesem Aufstiegswillen. Die meisten Afrikaner sind arm, weil sie aufgrund einer falschen Politik keinen Zugang zu sauberem Wasser, zu Gesundheitsdiensten, keinen Zugang zu Bildung und beruflicher Weiterbildung haben, und weil die Rahmenbedingungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen fehlen.

Ebola – soziales Missmanagement
Derzeit erleben wir die große Anteilnahme der Weltöffentlichkeit an der schrecklichen Viruserkrankung in Westafrika.Im Gegensatz dazu zeichnete sich die Afrikanische Union (AU) durch beschämende Gleichgültigkeit aus. Im Dezember 2013 ist in Gueckedou, Guinea, ein Junge an einer Ebola-Infektion gestorben .Erst im März hat Guinea den Ebola-Ausbruch gemeldet. Das Virus konnte sich nach Liberia, Sierra Leone, Nigeria und den Senegal ausbreiten. Am 8.9. – also über acht Monate, nachdem alles begonnen hatte- befassten sich die afrikanischen Außenminister in Addis Abeba erstmals mit den Auswirkungen von Ebola, und Ende Oktober hat sich die Kommissionsvorsitzende der AU, Nkosazana Dlamini-Zuma, zu einer ersten Reise in die Region aufgerafft.

Während die Politiker in Guinea, Sierra Leone und vor allem Liberia noch untätig blieben, lief in Nigeria und Senegal eine rasche Aufklärungskampagne in den Medien, vor allem im Rundfunk. Entscheidend für die Kontrolle über den Ausbruch war dort eine direkte Trennung von Verdachtsfällen, von bestätigten Ebolapatienten und nicht mit Ebola infizierten Personen. Nur so konnte eine weitere Ausbreitung des Virus verhindert werden. Die Eliten in diesen beiden Ländern haben gezeigt, dass man selbst aktiv werden kann und nicht nur auf Hilfe warten sollte.

Kontinent der verpassten Chancen.
Das Desaster in vielen Staaten Afrikas ist, dass die Machteliten nicht investieren, sondern nur konsumieren. Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich, zwischen Knechten und Herren, bleibt eines der größten Probleme in Afrika. Die Erfordernisse der Modernisierung und zur Transparenz des politischen Handelns sind vielen Verantwortlichen in Afrika nicht genügend im Bewußtsein. Überall mehrt sich die Korruption. Afrikas Politiker müssen halbwegs funktionierende staatliche Strukturen schaffen und endlich ihr Schicksal stärker selbst in die Hand nehmen.

In vielen afrikanischen Staaten haben es die Führungen der Länder nicht geschafft, die zerstörerischen Missstände im Land zu beseitigen – darunter die soziale Ungleichheit, die sich ständig vergrößert. Armut ist bis heute vor allem das Versagen der afrikanischen Eliten. Die oft immens reichen und verschwenderischen Politiker kümmern sich statt um die Pflichtaufgaben wie die wachsende Jugendarbeitslosigkeit lieber um ihre eigenen Geschäfte. Weder Rechenschaftspflicht noch Rechtsstaatlichkeit sind weit verbreitet. Afrikanische Führer, die sich um das Gemeinwohl und eine nachhaltige Entwicklung ihrer Bevölkerungen kümmern, sind immer noch Ausnahmeerscheinungen. Bei vielen afrikanischen Herrschaftsapparaten ist seit Jahren nicht erkennbar, dass sie eine Vorstellung haben von dem, was sie in das Land und in die Menschen investieren wollen. Es gibt keine eigenen Programme, wie die Bildung, das Gesundheits- und das Sozialsystem in ihrem Land aufgebaut werden soll.

Drang nach Europa
Korrupte Systeme verbunden mit Perspektivlosigkeit treiben junge Afrikaner auf Boote in Richtung Europa. Mit Neid blicken viele Afrikaner nach Europa wo Egalität und gesellschaftliche Solidarität höher im Kurs stehen als in ihren Heimatländern. Lampedusa, Ceuta und Melilla sind das Symptom einer Krankheit, die in den schlecht regierten Staaten Afrikas wurzelt.

Deshalb kann sich in Afrika das Geschäft mit der illegalen Einwanderung entwickeln. Es gibt z.B. in Libyen Milizen, die Schleuser-Organisationen schätzen. Die Fluchtindustrie verfrachtet Flüchtlinge auf seeuntaugliche Boote ohne ausreichend Wasser und Nahrungsmittel. Schlepper müssen hart bestraft werden, aber es wird sie weiter geben. Mit dem organisierten Menschenhandel ist inzwischen ebenso viel Geld zu verdienen wie mit Drogenhandel – mit deutlich geringerem Risiko. Die Flüchtlinge versprechen sich ein besseres Leben. Bei uns gibt es Mitleid und soziale Fürsorge. Die afrikanischen Sender informieren regelmäßig über die Flüchtlinge in Europa und wie sie es geschafft haben. Das führt – wegen der Hoffnung auf Teilhabe am westlichen Wohlstand – zu sogenannten Kettenzuwanderungen aus dem selben Land.

In den Städten gibt es Satellitenfernsehen, europäische Radiosender können überall empfangen werden. Deshalb sind Afrikaner sehr gut über Löhne und Sozialleistungen informiert. Westliche Sozialleistungen erscheinen umso großzügiger, je ärmer die Herkunftsländer sind. Deshalb werden die Afrikaner weiter zu uns kommen wollen. Afrikanische Zeitschriften in Paris sind voll mit Anzeigen von Afrikanerinnen und Afrikanern, die einen Partner mit Schengen-Pass suchen. Sie wissen auch, dass anders als Kanada und Australien sich europäische Staaten keine Auswahl der Zuwanderer vorbehalten.

Aber kein Afrikaner würde nach meinen Erfahrungen auswandern, wenn der Staat funktioniert, und wenn sich die Menschen um Alltagsdinge wie Lebensqualität, effiziente Verwaltung und Korruption keine großen Gedanken machen müssten.

Afrikanische Eliten müssen ihr Schicksal selbst gestalten wollen.
Es überrascht mich, mit welcher Vehemenz unsere Politiker an einer mildtätigen Entwicklungspolitik festhalten, die inzwischen viele Afrikaner für falsch halten. So ist es nicht zu rechtfertigen, Länder zu unterstützen, deren nicht korruptionsfreie Regierung keine gemeinwohlorientierte Politik verfolgt, die mit Verantwortungsbewusstsein die Erwartungen und Erfordernisse ihrer Bürger anpackt. Entwicklung muss in den Ländern mit selbstbewusstem Engagement initiiert und angestoßen werden, man kann von außen nur unterstützen. Die politischen Eliten müssen das Schicksal ihres Landes selber gestalten wollen. Das macht ihre Souveränität aus.

Das Entwicklungskonzept muss der afrikanische Staat vorgeben und sich dementsprechend Unterstützung suchen und nicht – wie heute – umgekehrt. Nur die Förderung von selbst initiierten Projekten spornt Eigeninitiativen an; sie gibt Hoffnung, bevormundet aber nicht; sie macht nicht abhängig, sondern baut das Selbstbewusstsein und das Eigenwertgefühl auf. Jeder afrikanische Politiker, den ich getroffen habe, kann beredt sehr schlüssig erklären was in seinem Land zu tun ist. Aber die eigenen Antriebskräfte fehlen allzu oft.

Die deutsche Afrikapolitik hat keinen überzeugenden politischen Zielkatatlog, trotz aller seit Jahren schon erkennbaren Probleme.Rahmenbedingungen für Entwicklung vor Ort müssen nicht w i r schaffen, sondern die Verantwortlichen in den afrikanischen Ländern. Es war schon immer die schlechteste Lösung, Problemen der Entwicklungshilfe durch immer niedrigere Anforderungen zu begegnen.

Die meisten Staaten in Afrika brauchen Regierungen, die ihr Land mit mehr Schwung und Überzeugungskraft reformieren. Es sollten in Afrika nur noch Staaten mit Persönlichkeiten an der Spitze unterstützt werden, die leben, was sie sagen, die glaubwürdig sind. Hilfe für Afrika kann nur von den Afrikanern selbst kommen.Vor jeder Hilfe sollte auch gefragt werden, was sie schon selbst für eine Verbesserung der Lebensumstände getan haben.

Volker Seitz, von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, unter anderem bei der EU in Brüssel, in Japan, Armenien und 17 Jahre in Afrika in 7 Ländern. Von 2004 bis zum Ruhestand 2008, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, Ãquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Volker Seitz gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, welches im September 2014 in aktualisierter und erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist.

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