Literaturschnipsel

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Ihr schwatzet über das Leben des einen und über den Tod des andern und bellt den Namen großer, durch irgendein außerordentliches Lob ausgezeichneter Männer an, wie kleine Hunde, wenn ihnen unbekannte Leute in den Weg kommen. Denn es kommt euch zustatten, wenn niemand als gut erscheint, als ob fremde Tugend ein Vorwurf für eure Vergehungen wäre. Neidisch stellt ihr das Strahlende neben euern Schmutz und sehet nicht ein, mit welchem Nachteil für euch ihr solches wagt. Denn wenn die, welche der Tugend folgen, habsüchtig, wolllüstig, ehrgeizig sind, was seid dann ihr, denen sogar der Name der Tugend verhaßt ist? Ihr behauptet, es leiste keiner das, was er anpreise, und es lebe keiner nach dem Muster seiner Reden. Was Wunder, da sie von heldenmütigen, ungeheuern, alle Stürme des Menschenlebens überdauernden Taten sprechen, da sie sich von dem Kreuze loszumachen streben, in welches jeder von Euch selbst seine Nägel einschlägt? Zum Tode geschleppt, hängt doch jeder von ihnen nur an einem Pfahle. Diejenigen aber, die selbst Strafe über sich verhängen, sind an eben so vielen Kreuzen ausgespannt, als Leidenschaften an ihnen zerren; und ihre bösen Zungen sind beim lästern anderer sehr witzig. Ich möchte glauben, sie würden das bleiben lassen, wenn nicht manche noch vom Galgen herab die Zuschauer anspuckten.
(Seneca)

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