SS-Hauptscharführer Karl Friedrich Rieflin – ein Täter

Mitverantwortlich für Synagogen-Plünderung und Judendeportation im Raum Lahr

rieflinmetz

Dokumentation in Natzweiler-Struthof.

(gh). Man kann über Stolpersteine steigen und Geschichten erzählen. Man kann ausgetretene Treppen im Storchenturm hinauf- und hinunterlaufen und Geschichten erzählen. Man kann aber auch Fakten sammeln hinter den Geschichten und sich der Geschichte nähern. Vor allem die neuere deutsche Geschichte wartet oft noch auf ihre Entdeckung. Besonders dann, wenn es die lokale Geschichte ist, um die heutige Geschichtenerzähler gerade in Lahr gerne einen Bogen machen. Offenbar warten sie, bis auch die letzten Täter und Zeugen des Tausendjährigen Reiches, das gerade mal 12 Jahre alt wurde, das Zeitliche gesegnet haben. Da macht die Lahrer bzw. Offenburger Justiz keine Ausnahme. Sonst wäre nicht erklärbar, wie in Lahr schon zu Anfang der 50er Jahr ein Kiegsverbrecher frei herumlaufen konnte, ohne vor Gericht zur Verantwortung gezogen zu werden.Dabei war er für die Schändung der Synagogen und den Abtransport der Juden nach Gurs aus dem Kreis Lahr verantwortlich gewesen.

Zeugen halten sich zurück. Die meisten Täter schweigen oder leben in einer selbstgeschaffenen Welt der Lügen. Sie waren nicht nur im fernen Berlin, Karlsruhe oder Stuttgart tätig. Sie saßen in den Büros der Ämter, Kasernen, Schulen, Rathäuser. Sie wohnten in der Stadt oder im Dorf nebenan. Sie hatten keine Teufelshörner und kein Kainsmal, sie waren banal alltäglich, die Hunderttausende von Deutschen, die ein verbrecherisches System erst möglich machten. Und die sich meistens nichts dabei dachten und sich keiner Schuld bewußt waren. Wie schrieb der SPIEGEL angesichts jüngst aufgetauchter Fotos mit fröhlichen jungen Frauen und Männern, für die in Auschwitz der Massenmord Alltag, ein Job war? „Die meisten NS-Verbrecher waren weder Sadisten noch Psychopathen, sondern ganz normale Männer.“

Einer von ihnen war SS-Hauptscharführer Karl Friedrich Rieflin (26.9.1892 – 18.8.1964), ein Landwirt aus Langenwinkel, heute ein Stadtteil von Lahr, das mal eine Hochburg der Nazis war. Erstaunlicherweise bleiben die Lahrer Nazis in der lokalen Geschichtsschreibung, wenn man die überhaupt ihrer Unwissenschaftlichkeit wegen so nennen darf, quasi annonym. Für die meisten heutigen Lahrer ist Karl Friedrich Rieflin sicher ein völlig unbeschriebenes Blatt. Für andere höchstens ein Mitläufer, ein kleines Licht damals, als die Verhältnisse halt so waren. Was wissen denn wir von den schwierigen Zeiten, was hätten denn wir an seiner Stelle gemacht? Er war eben dabei. Wie Millionen. Ist lange her. Schwamm darüber. Er ruhe weiter in Frieden?

Im KZ Natzweiler-Struthof in der Führungsmannschaft
Vorbei kommt an Karl Friedrich Rieflin  niemand, der das einzige deutsche KZ auf französischem Boden, die Gedenkstätte Natzweiler-Struthof im Elsaß besucht. Fast die Hälfte der etwa 52 000 Insassen aus 17 Nationen sollen zwischen 1941 und 1944 den Tod gefunden haben. Vernichtet durch Arbeit, bestialisch ermordet durch Aufseher, deutsche „Ärzte“ und „Wissenschaftler“, durch Erschießungskommandos. Das KZ war errichtet worden, um Hitlers Architekten Albert Speer roten Granit für die geplanten größenwahnsinnigen Kolossalbauten in Berlin zu beschaffen. Einer von denen, welche die Sklaven in diesem Lager antrieben, war Karl Friedrich Rieflin.

In der Museumsbaracke ist sein Portraitfoto ausgestellt. Daneben liegt sein (recht fehlerhaft getipptes) Bewerbungsschreiben. Gezeigte Tagespläne tragen seine Unterschrift.

Unter „Langenwinkel, 8. 6.43“ schreibt der „SS-Hauptstf. Rieflin, SS-Nr. 6281, 86.SS-Standarte, geb. 26. September 1892“ an das „SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt, Amtsgruppe D., Oranienburg, b. Berlin. Betr, Hauptamtliche Dienstleistung in der SS.“:
„Auf Befehl des RFSS (Anmerkung: Reichsführer SS) wurde ich von der Ergänzungsstelle (V) Stuttgart aufgefordert, mich freiw. zu melden. Dieser Aufforderung kam ich nach und wurde am 2,6.43 durch dieselbe Stelle gemustert u. für G v H. (garnisonverwendungsfähig Heimat) befunden. Ich hatte schon lange den Wunsch eingezogen zu werden, wurde aber zu einer freiw. Meldung erstmals aufgefordert. Ich stamme aus einer Bauernfam und bin auf Grund meiner Dienstbeschädigung aus dem Weltkrieg (Magenoperation) in das Angestelltenverhältnis übergeganen u. zur Zeit als Kontrolleur bei der Ortskrankenkasse Lahr beschäftigt. Mein Arbeitgeber hat mich auf mein Bitten hin freigegeben. Ich habe nun den einen Wunsch, so rasch wie möglich einberufen zu werden mit der Bitte nach dem im Elsass bei Natzweiler sich befindenden Konzentrationslager. Mein Wunsch begründe ich damit: „Ich habe ausser meinen 2 Söhnen, die Beide an der Ostfront stehen, einer bei der Waffen SS, der andere bei der Wehrmacht, keine Kinder. Meine Frau ist etwas leidend, durch eine Verwendung im KZ Lager Natzweiler wäre ich doch in der Nähe meiner Heimat, für den Fall, dass es notwendig werden sollte. Ich bin seit 1930 in der SS, arbeitete 7 Jahre im SD und führte 4 Jahre einen Sturm der Allg.SS.ehrenamtlich. Meine Mitglieds-Nr. 552460. Ich bitte das Verwaltungshauptamt nochmals, meinem Wunsche zu entsprechen und mich so bald wie möglich eizuberufen. Mein letzter Dienstgrad bei der Wehrmacht war Feldwebel.
Heil Hitler, Rieflin, SS-Hauptstf.
Anschrift. Karl Fr. Rieflin, Allg Ortskrankenkasse L a h r. Baden.“rieflinbewerbung

Rieflins eigene Rangbezeichnung ist als „SS-Hauptsturmführer“ zu lesen. Dieser Rang entsprach in der Wehrmacht einem Hauptmann. In Wirklichkeit aber war Rieflin SS-Hauptscharführer, was einem Oberfeldwebel, einem Unteroffiziersrang entsprach.  Sein Wunsch, unbedingt im KZ Natzweiler Dienst tun zu dürfen, wurde erhört. Er war dort Mitglied der Führungsmannschaft.

Ein in der Museumsbaracke vom „Totenkopfsturmbann K. L. Natzweiler“ gezeigter „Dienstplan. für Mittwoch, den 31.5.44“ ist von „SS-Hauptscharführer Rieflin“ unterzeichnet: 5,00 Wecken U.v.D., 5,50 Antreten der Kompanie u. Aussenkom. SS-Hauptscharf. Rieflin, 7,00 – 8,00 Schulung, 8,15 – 10,00 Exerzieren, anschliessend Impfung der SS-Angehörigen, 10,30 – 11,00 Waffenreinigen, alles von Rieflin geleitet, danach 12,40 Antreten der Kommandos U.v.D., 14,00 Waffenappell und 15,00 – 15,30 Wachbelehrung, jeweils unter Rieflin, dann folgte um 18,55 Antreten der Hauptwache Vergatterung unter einem Fw. Johann und um 23,00 Zapfenstreich unter U.v.D.

In dem Buch „Gedächtnis aus Stein, Die Synagoge in Kippenheim 1852–2002“ schreibt Uwe Schellinger über die Plünderung der Synagoge im Kippenheim anläßlich des antijüdischen Pogroms im November 1938 auf Seite 84: „Kurze Zeit später kam ein Trupp von etwa 30 – 40 Angehörigen der Lahrer HJ-Gebietsführerschule auf Lastwagen in Kippenheim an. Das Kommando wurde wahrscheinlich vom Chef des Lahrer Sicherheitsdienstes der SS (SD), dem SS-Offizier Karl Friedrich Rieflin, angeführt.“ Hierzu kann jetzt gesagt werden: Es war Karl Friedrich Rieflin, der SS-Hauptscharführer, ein Unteroffizier, Leiter des Sicherheitsdienstes der SS in Lahr und AOK-Angestellter, der aus einer Bauernfamilie in Langenwinkel stammte.

Karl Friedrich Rieflins „Karriere“ bei der SS endet nicht im KZ Natzweiler, wohin er sich 1943 beworben hatte. Mit dem schnellen Vordringen der Alliierten nach der Landung in der Normandie wurde das seit 1. Mai 1941 bestehende KZ Natzweiler im September 1944 geräumt und im November von den Alliierten eingenommen. Der Name Natzweiler aber blieb für 52 Außenlager im Südwesten Deutschlands erhalten, wobei die Leitung inzwischen in den Raum Stuttgart verlegt worden war.

Stellvertretender Lagerführer im KZ Erzingen
Die SS-Leute  aus dem KZ Natzweiler, heute unter dem Namen Natzweiler-Struthof bekannt, im Elsaß vorwiegend unter Struthof, taten nach der Auflösung des KZ in den Vogesen Dienst in anderen KZ. Auch Karl Friedrich Rieflin, dessen Spur sich angeblich nach Natzweiler verliert. Das liegt daran, daß er ins Schwäbische wechselt. Rieflin wurde nach dem Krieg wegen seiner letzten Tätigkeit im KZ Erzingen, wo er sogar zum stellvertretenden Lagerführer aufgestiegen war, im Rastatter Kriegsverbrecherprozeß (Militärgericht der französischen Besatzungszone in Deutschland) angeklagt zusammen mit 50 Leuten aus fünf KZ-Lagern an der Schwäbischen Alb, die zum Abbau von Ölschiefer eingerichtet worden waren. Dadurch war Rieflin im heimatlichen badischen Bereich für die doch recht oberflächliche Geschichtsforschung vermutlich schon nicht mehr präsent bzw. uninteressant.

Lebenslang mit  Zwangsarbeit und Anfang der 50er wieder frei
Der Staatsanwalt forderte in Rastatt für Rieflin die Todesstrafe, verurteilt wurde er zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe mit Zwangsarbeit. Anfang der 50er Jahre war er wieder wie viele verurteile Kriegsverbrecher aus französischen Gefängnissen nach Hause entlassen worden. Normalerweise hätte er vor ein deutsches Gericht gestellt werden müssen. Des Judenpogroms wegen ist er überhaupt nicht angeklagt worden. Von deutscher Seite wurde ihm danach kein Prozeß gemacht, obwohl es des Pogroms und der Judendeportationen wegen im Raum Lahr genügend Anlaß hierfür gegeben hätte. Aber in deutschen Gerichten saßen ja weiterhin NS-Richter, so als wäre nichts geschehen gewesen.

Zeugen gegen Rieflin im Kriegsverbrecherprozess in Rastatt
Wer dieser Rieflin war, der unbedingt in einem KZ Dienst tun wollte, was er getan hat und wofür er verantwortlich als SS-Mann war, darüber gibt der Prozeß in Rastatt einigermaßen Auskunft. Nach den Gerichtsprotokollen vom 9. Dezember 1946 bis zum 1.Februar 1947 ist der nicht vorbestrafte Karl Friedrich Rieflin der „Kriegsverbrechen“ angeklagt, wobei präzisiert wird: „Gewalttaten, Mißhandlungen, Schläge und Verletzungen, geeignet, den Tod von politischen deportierten Häftlingen herbeizuführen.“ Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, ob er, Rieflin, sich im Sinne der Anklage für schuldig bekenne, antwortete er: „Nicht schuldig.“

Im Verlauf der Gerichtsverhandlung erinnert sich ein Zeuge, ein ehemaliger Häftling, an Rieflin: „Ich erkenne ihn wieder, er war ein SS-Polizist. Er ließ uns Steine tragen, die wir vom Grund einer Schlucht holen mußten. Ein Kamerad hat Schwierigkeiten gehabt, einen solchen Stein aufzuheben, denn es mußte schnell gehen und er strauchelte. Man lud ihm dann noch einen viel schwereren Stein auf den Rücken, und er brach zusammen. Dieser brutale Mensch gab ihm Tritte in die Rippen. Er schrie und heulte, aber er schlug ohne Unterlaß. Rieflin schlug um nichts mit der Faust.“

Ein anderer ehemaliger Häftling des KZ Erzingen sagt aus: „Ich erkenne Rieflin wieder. Das war ein Polizist. Man nannte ihn ‚Hundehalsband‘. Ich habe ihn schon in Natzweiler gekannt. Er spielte dort die Rolle des Spitzels. Er unterrichtete seine Vorgesetzten und er schlug. Ich habe ihn schlagen gesehen, und ich kann ihn Fakten zitieren lassen, indem ich ihn frage, ob er sich an den Transport der Franzosen erinnert, der im Juli 43 angekommen ist, denn von uns 153 sind nur noch 17 zurückgekehrt. Er hat sich als eine Bestie gezeigt, als ein wildes Tier.“

Da Rieflin nach Daten und Einzelheiten fragt, antwortet der Zeuge: „Am 9., 12., und 15. Juli 1943 kamen Transporte an. Sie (die Häftlinge) wurden mißhandelt, und die Mißhandlungen haben bis zum Dezember 1943 gedauert. Ich habe ihn in Erzingen wiedergesehen. Dort hatte er einen Stock, dessen er sich beim Schlagen bediente. Er ist nach Erzingen ohne bestimmte Funktionen gekommen. Ich habe ihn mit Rüben schlagen gesehen.“

Ein weiterer ehemaliger Häftling von Natzweiler und Erzingen erklärt: „Rieflin war ‚Meister‘. Ich habe ihn in Natzweiler gekannt. Es ging uns fühlbar besser (in Erzingen) als in Natzweiler. Das war infolge der Situation und vor allen Dingen der inneren Organisation des Lagers wegen, die von uns und nicht von diesen Baditen geführt wurde. Die Verpflegung – ohne üppig zu sein – war korrekt. Hinsichtlich der Unterbringung nichts Besonderes. Hinsichtlich der Bekleidung hatten wir wenig Sachen, aber wir hatten Beheizung im Schlaf- und im Speisesaal…Rieflin hat seine Kameraden dazu angereizt, zu schlagen , und er sagte zusätzlich: ‚Obwohl die Amerikaner vorrücken.'“

Ein 48-jähriger französischer Mühlenbesitzer war im April 1944 in Erzingen angekommen, nachdem er vorher in den KZ Buchenwald und Dachau gewesen war. Erzingen sei viel schlimmer als Buchenwald gewesen: „Wir mußten offizielle 15 Stunden arbeiten, aber in Wirklichkeit machten wir 18 bis 20. Wir wurden schlecht ernährt, und die Verpflegung war schlechter als die in den vorangegangenen Lagern. Alle Wächter haben geschlagen…Rieflin hat weniger geschlagen. Er ist 15 Tage vor meiner Abreise angekommen, und ich wurde an diesem Tage von ihm vorgenommen. Er dachte vielleicht wie alle SS-Angehörigen, daß ein Franzose meines Alters verschwinden könnte.“

Ein 32-jähriger ehemaliger französischer Häftling stellt fest: „Rieflin hat uns mit einem zum Entladen der Waggons bestimmten Stock geschlagen. Wenn die Arbeitsleistung für mittelmäßig erachtet wurde, gab es Hiebe.“

Ein 39-jähriger französischer Zeuge: „Ich möchte sagen, daß Rieflin, den man ‚Mitraillette‘ (Maschinenpistole) nannte, einen guten Posten hatte. Er hat einen Burschen von 16 Jahren geschlagen, aber deswegen, weil er einen Apfel aufgehoben hatte. Er war ziemlich menschlich, er ließ uns organisieren und ließ uns bei der Arbeit in Ruhe.“

Ein 44-jähriger Franzose aus dem Lager Erzingen: „Ich kenne Rieflin. Er war kurze Zeit im Lager, aber er hat mir einen schrecklichen Eindruck gemacht. Ich sehe ihn als einen Schuldigen des letzten Grades an. Er war Spezialist für Stiefeltritte und sagte oft: ‚Willst Du Bekanntschaft mit meinen Absätzen machen?‘ Ich war ein Opfer davon. Seine ständige Gewohnheit war es, uns übermäßige Arbeit abzuverlangen. Wir lebten unter seinem Schreckensregime und fürchteten immer seine Ankunft auf der Baustelle. Wenn er während der 14 tage, die er im Lager blieb, keinen Kameraden hat sterben lassen, ist es sicher, daß er uns zu Tode gebracht hätte. Er verbar sich, um uns bei der Pause zu überraschen, und er schlug uns.“

Ein 33-jähriger Häftling, von Beruf Arzt: „Ich empfinde ein Gefühl des Schreckens und der Abscheu, wenn ich Rieflin sehe. Ich habe ihn in Natzweiler gekannt, und ich habe ihn in Erzingen wiedergefunden. Er ist immer ein Quäler gewesen. Ich sehe ihn noch im Steinbruch, er trug die Abzeichen des Polizisten, und während unsere Kameraden unter den Schlägen zusammenbrachen, lachte er. In Erzingen hat er sich ein wenig geändert, aber er ist ein brutaler Mensch geblieben. Er verursachte Schrecken, und seine Schläge verband er mit der Forderung, unmenschliche Arbeit zu verrichten, die unrettbar zum Tode führte.“

Der Angeklagte Karl Friedrich Rieflin vor Gericht: „Ich war SS-Hauptscharführer in der Reserve. Ich war in der Partei unerwünscht, und um nicht arbeitslos zu sein, habe ich im SD gearbeitet.“

Der Regierungskommissar: „Ein französischer Kriegsgefangener hat Einzelheiten über Ihr Verhalten von 1940 bis 1945 angegeben, denn er kannte Sie, weil er in dieser ganzen Periode in Ihrem Dorf blieb. Er sagte, daß man Sie dort fürchtete. Er erinnerte an Ihre Aktionen seit 1938 und an Ihre Teilnahme im Kampf gegen die Juden.“

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Synagoge  Kippenheim nach der Plünderung 1938.

Einsatz gegen die Juden
Rieflin: „Ich weiß, was ich gemacht habe. Ich leugne es nicht. Ich habe an den massiven Festnahmen der Juden teilgenommen. Ich habe keineswegs selber welche festgenommen. Ich habe Befehle weitergegeben, die ich selbst erhalten hatte. Ich habe den Befehl an die Gestapo, die SA oder an Persönlichkeiten der Partei gegeben, sie mir wieder zurückgegeben. Sie wurden auf Transport geschickt. Für das, was sich anschließend ereignete, bin ich nicht verantwortlich. Manche kamen 6 Wochen später zurück, die anderen gingen nach Dachau. Ich gestehe, an der Plünderung von Synagogen beteiligt gewesen zu sein, aber ich habe keine jüdischen Gräber geschändet. Ich habe verboten, daß man Synagogen verbrannte. Ich habe die Juden in einem Zentrum versammelt, um das Schlimmste zu verhindern.“

Der Regierungskommissar: „Man wirft Ihnen ebenfalls vor, Einwohner Ihrer Region an die Gestapo verraten zu haben. Das öffentliche Gerücht klagt Sie dieser Festnahmen an wegen Ihres Dienstgrades als SS-Angehöriger.“

Rieflin: „Keiner ist in meinem Dorf festgenommen worden. Im Jahre 1943 bin ich in Natzweiler gewesen. Ich habe nicht das Abzeichen der Feldgendarmerie getragen, aber etwas Ähnliches. Ich habe nicht den Befehl zum Prügeln gegeben, und keiner kann das behaupten. Ich habe die Arbeit und die Wachtposten kontrolliert. Die Häftlinge, die nicht arbeiteten, mußten ins Gefängnis gesteckt werden. Man hat Klage gegen sie erhoben. Ich habe meinen Dienst korrekt ausgeübt.“

Der Regierungskommissar: „Sie werden über diese Taten vor dem Militärgerichtshof in Straßburg anworten.“

Rieflin: „In Erzingen habe ich die gleiche Beschäftigung gehabt, weil ich krank war. Ich visitierte die Arbeitsstellen. Ich habe die Häftlinge niemals ans Schienbein getreten. Ich trieb die Leute zur Arbeit an und gab ihnen eine Arbeitslektion. Ich habe die Leute nicht gestoßen, und ich habe sie nicht geschlagen. Ich habe den Leuten nicht die Suppe weggenommen, denn ich ging überdies nicht in das Lager hinein. Ich habe auch keineswegs Kinder geschlagen. Ich verstehe nicht, warum man mich anklagt, geprügelt zu haben, denn ich habe nichts gemacht als zur Arbeit angetrieben. Die Häftlinge hatten nicht viel Arbeit auf den Arbeitsstellen, und manche von ihnen begriffen nichts von manueller Arbeit. Sie wollten nichts verstehen. Ohne es zu wollen, kann ich, indem ich ihnen die Arbeit zeigte, sie leicht mit einem kleinen Stock berührt haben.“

Das Urteil: „wie ein Folterknecht“
Der Staatsanwalt fordert für Rieflin die Todesstrafe, der Verteidiger plädiert für Zwangsarbeit.
Der angeklagte Rieflin sagt: „Ich bin schwerbeschädigt.Ich habe nicht zum Vergnügen mißhandelt. Ich habe geschlagen, und ich gestehe das. Ich bitte das Gericht, mich gerecht zu beurteilen.“

Das Gericht erklärt zum KZ Erzingen: „…daß der Lagerführer, der SS-Hauptscharführer Karl Rieflin, Deutscher, sich im Lager wie ein Folterknecht aufgeführt hat und Schrecken verbreitet hat, wenn er in gewissen Augenblicken plötzlich auf der Arbeitsstelle erschien und dort unter den nichtigsten Vorwänden Fußtritte und Knüppelhiebe austeilte, und daß er immer maßlose Arbeit verlangte.“

Rieflin wird für „schuldig der Kriegsverbrechen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ erklärt und am 1. Februar 1947 zu „lebenslänglicher Freiheitsstrafe mit Zwangsarbeit“ verurteilt. Die Verfahrenskosten mußte er zusammen mit den anderen Verurteilten mittragen bzw. ersatzweise einen Tag Gefängnis pro 10 Mark. Die Vollstreckung der Strafe wurde für ihn auf den 9. Oktober 1946 festgesetzt.

Das Kz-Außenlager Erzingen am Fuße der Schwäbischen Alb wurde am 22. Mai 1944 mit 200 Häftlingen eröffnet. Erzingen gehörte zu den sieben sogenannten „Wüste-Lagern“, die zur Gewinnung von Treibstoff aus Ölschiefer eingerichtet wurden. Insgesamt sollen im Lager Erzingen sieben Häftlinge gestorben sein.

Ein Gedanke zu “SS-Hauptscharführer Karl Friedrich Rieflin – ein Täter

  1. Guter Artikel: Er ist Quellengesättigt, zeigt Widersprüche in den Zeugenaussagen und auch Rieflin kommt zu Wort. Das steht Klassen über Machwerken wie „Hippokrates in der Hölle“, das unlängst Bestseller-Rang erreichte.

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